Donnerstag, 19. April 2012

Göttliche Geschenke

62 Stunden Wehen und zittern, ob alles gut ausgeht. Ein Kind, das auf fast 41 Grad fiebert, damit die Großmutter überfordert, während die Mutter den Bruder gebärt. Einen schlaflosen Vater, der in letzter Minute vor dem Osterwochenende Ärzte und Apotheken heimsucht. Die Geburt eines Kindes stellt fast jede Familie vor z.T. enorme Herausforderungen: Sorgenfalten durchziehen das Gesicht, die Augenringe sprießen, die Müdigkeit wird zum ständigen Begleiter und die Nerven liegen blank.

Wie fruchtbar ist der kleinste Kreis, wenn man ihn wohl zu Pflegen weiß. (J.W. Goethe)


Ein soziales Netzwerk, das Geborgenheit, echten Rückhalt und praktische Unterstützung bietet ist in dieser und vergleichbaren Situationen unglaublich wertvoll und fällt nicht vom Himmel. Wir haben hier im Cohousingprojekt Lebensraum diese wichtige Ressourcen in den vergangen Wochen erleben dürfen und ich bin unendlich dankbar, für die Anteilnahme und das empathische Interesse in der Phase vor der Geburt und danach, für die Möglichkeit des Austausches von Erfahrungen oder die nachbarschaftlichen Supervisionen wenn man glaube es geht nicht mehr, für den köstlichen und nahrhaften Hühnersuppentopf, für die vor dem Regen gerettete fein säuberlich aufgehängte Wäsche, für den Birnengrießauflauf, die Gemüsesuppe und den vielen anderen Köstlichkeiten, mit denen wir in den letzten Tagen versorgt wurden,
für die vielen Glückwünsche, für die freundlichen Gesichter die Theodor auf den Gängen und im Gemeinschaftsraum anlächeln, für die Abholung von Mutter und Kind aus dem Krankenhaus, für die Besorgungen und Einkäufe, für die Betreuung des älteren Bruders, für die Diskretion und Zurückhaltung in den ersten Tagen.Und ich bin sehr dankbar für die Erfahrung, dass Engagement für die Gemeinschaft eine echte diesseitige Komponente hat und keine reine metaphysische Hoffnung ist.

Nachhaltiges Netzwerk


Heute habe ich im Radio auf Ö1 einen Beitrag über "Die Macht der Netzwerke" gehört (http://oe1.orf.at/programm/300684), der wunderbar zu diesem Thema passt.
Macht kommt von können und unser Netzwerk hier in der Cohousingsiedlung Lebensraum in Gänserndorf kann vieles und ich bin mächtig Stolz darauf. Es kann mir zwar keine lukrativen Einkünfte bieten, wo ich hinterher rätsle "wos mei Leistung woar", aber es stellt echte Ressourcen zur Verfügung, nicht nur ideologisch aufgeladene Träumereien.
Unsere Gemeinschaft bietet ein Lebensgefühl der Zugehörigkeit und Geborgenheit, das zweite Kriterium von nachhaltigen Netzwerken. Das Dritte, nämlich Offenheit für Neues und Unterschiedliches und damit verbunden, die Möglichkeit des persönlichen Wachstums durch Lernerfahrungen und -impulse, können alle hier, die sich aktiv in das Gemeinschaftsleben einbringen, beinahe tagtäglich erleben.
Und schließlich sind anziehende visionäre Kräfte wichtig, eine Richtung, Ziele, die das Leben der Gesellschaft bereichern und dem Leben dienen. Dadurch werden Netzwerke breit und attraktiv für neue Mitglieder und unterscheiden sich von zynischen Netzwerken, die nur einem Selbstzweck folgen und den Nutzen ihrer Mitglieder maximieren. Ich bin überzeugt, dass für Österreich, Europa, eigentlich für die ganze Welt offene und innovative Gemeinschaften nützlich sind.

Dienstag, 24. Januar 2012

LebensTraum

Nachdem wir zum allerersten Mal ganz alleine für die Kochgruppe in den Riesentöpfen gekocht haben, fragt mich Reinhard ob ich über die Eindrücke Einer frisch eingezogenen schreiben will. Ich halte mich fest an meiner Kochschürze, meine Finger rotgefärbt von den roten Rüben und überlege kurz, ob ich schon weiß wie sich das anfühlt, dieser Lebens(t)raum. Und ich erinnere mich plötzlich, wie ein paar Minuten nach unserer Ankunft, nachdem wir das erste Glas Brunnenwasser getrunken haben, derselbe Reinhard aus der Küche kam und uns fragte: „Wollt ihr Gulasch?“

Es fängt gut an – hab ich mir gedacht.

Nach einem Sommermonat unterwegs auf Reisen, fahren wir mit einem ausgeborgten Auto auf der Westautobahn Richtung Osten. Hinten in einem wackeligen Anhänger Schätze unseres bisherigen gemeinsamen Lebens, thematisch in Bananenschachteln sortiert. In mir ist es noch da, dieses Spätsommergefühl von Reisen ins Unbekannte.

Auf dem Weg vom Gulasch zur Wohnung begegnen wir unserer neuen Nachbarin Anna an ihrem dritten Geburtstag. Sie ist schön mit Ihrer Krone!

Es ist bereits Abend. Unsere Vormieter haben keine Glühbirnen in der Wohnung gelassen. Es riecht nach Bodenöl. Wir bewandern und durchschreiten die leere Wohnung: rauf, runter, raus, rein- fein! Ein Glas Wein?

Trinkwasser vom Brunnen holen und erlauben, dass dabei was passiert. Tauschen, lauschen ...
Ich lese noch einmal das Infoschild auf der Eingangstür: “Co-Housing : Siedlung mit aktiv gelebter Nachbarschaft” und möchte das sofort ausprobieren. Jetzt sind wir doch gerade “Nachbarn in Not”.
Während David im Obergeschoß unser Bett baut stehe ich unten in der Küche und schreib alles auf, was mir einfällt an nicht auffindbaren und dringend benötigten Sachen und stelle mir vor etwa so zu fragen: "Hallo, ich bin Szende, die Neue. Hast du vielleicht: ein Ei, Nadel, Bohrmaschine, Schöpfer, Spachtel, Klopapier, Handy-Ladegerät, Brot, Glühbirne, Zeit ... Lust ..."
Ich probiere es gleich nebenan.

Schritte der Eingewöhnung.

September. Wände ausgemalt, kräutergrün (Farbe von den Nachbarn). Kleinkindergruppe entsteht. Fabio klopft an und spielt uns was auf seiner Spielgitarre vor. Die Emilia bringt uns von ihren “Radlreisen” kurze Gangnachrichten heim. Wir lernen Pferde, Ziegen und immer mehr Nachbar kennen.
In einer der ersten Nächte, Gangfinsternis. Ich bin müde und öffne die Wohnungstür. Es ist ganz ruhig und riecht anders als bei uns. Wo bin ich hier? Eine Uhr zeigt mir in roten Zahlen: 23:11. Wir haben keine elektrische Uhr... Schnell raus und zur richtigenTür... So besuchte ich zum ersten mal unsere Nachbarn.

Oktober. Wir wollen Hühner. Andere auch. Es kommt ein spannendes Hühnertreffen zu stande. Physalisernte. Einzugsfest mit Feuertonne im Garten, Schokobrunnen auf der Terrasse und vielen Gästen. Wir fühlen uns willkommen.

November. Emilias Geburtstag in Gemeinschaftsraum, viel Freude, Freunde, Schaukelpferde. Abendessen bei Nachbarn.

Dezember. Abendessen bei Nachbarn. Jurtenfest mit Adventsingen. Betreuung der Nachbarskatze. Kekstausch. Freiluft – Tanzrausch. Spannend-schön.

Wir fahren über Weihnachten weg, nach Rumänien. Im Zug klingelt das Telefon, Alex. Licht im Bad vergessen. Er weiß, wo der Schlüssel ist...

Szende