Klima-Anlagen
Eine „Anlage“ suggeriert etwas Statisches, Solides und Flaches. Eine Anlage kommt unserem Bedürfnis nach Absicherung und Ruhe entgegen. Klimaanlagen zum Beispiel versprechen, dass man sich auch an Hundstagen hinlegen und in tropischen Nächten einschlafen kann. Jüngst verkündete eine Nachbarin per E-Mail, sie habe sich einen Kostenvoranschlag für den Einbau einer solchen Anlage besorgt. Sie rief andere dazu auf, es ihr gleichzutun, um durch eine Sammelbestellung Kosten zu sparen.
Man will nun in Zeiten des Klimawandels die Hitze mit Sonnenschutz- und Klimaanlagen bändigen, so wie man mit Isolation und Heizung die Kälte zähmte. An eine Drehzahlbegrenzung des Willens denkt kaum jemand.
Die Erinnerung als Drehzahlregler des Willens
Die Erinnerung an elende, viel zu heiße Tage und Nächte beschleunigen den Willen; sie bringen uns dazu, rasch ein Fachgeschäft aufzusuchen, um eine technische Lösung für unangenehme klimatische Verhältnisse zu finden. Durch Hundstage wurden vor ein paar Jahren sogar Nachbarn zu Flüchtlingen. Sie sind nach Mürzzuschlag geflohen, um dem Marchfelder Steppenklima zu entkommen.
Wenn die Erinnerung aber tief genug gräbt, wird sie zum Drehzahlregler des Willens und kann die eilfertigen Schritte Richtung Mürzzuschlag oder zum Installateur des Vertrauens hemmen, sodass auch folgender Gedanke Schritt halten kann:
Der Klimawandel ist nicht die Folge von Bestrebungen für eine ausreichende Befriedigung eines oder mehrerer Grundbedürfnisse, sondern es waren massenweise künstlich entfachte und hochtourig drehende Bedürfnisse, die einen sich selbst verstärkenden Kreislauf, eine nach geradezu teuflische Feedbackschleife in Gang setzten.
Gesellschaftliche Willensbeschleunigung
In seinem 1867 erschienen ersten Band seines Hauptwerks „Das Kapital“ kritisierte Karl Marx die augenscheinliche Ausbeutung und Verelendung der Arbeiterklasse, deren Grundlage er in der ungerecht verteilten Kapitalakkumulation des Kreislaufs Geld-Ware-Nochmehrgeld sah. Das Nochmehrgeld entsteht durch mehrwertproduzierendende Energieformen in diesem Kreislauf. Es handelt sich dabei um die Energie der menschlichen Muskelkraft und jene der Kraftmaschine, angetrieben durch fossile Energie und entwickelt von listig und zielgerichtet eingesetzter mentaler Steuerungsenergie. Diese letztere Form besorgt auch die Lenkung der Energie- und Warenströme.
Der solidarische Zusammenschluss der Elenden zu einem starken Arm, der die Räder der industriellen Maschine zumindest zeitweise verlangsamen konnte, wurde durch mentale Errungenschaften wie beispielsweise „Das Kapital“ organisiert und trug sicherlich zur Verbesserung der Lebensverhältnisse bei. Doch der wohl größte Lenkungseffekt ergab sich aus der Tatsache, dass der Mehrwert der Ware nur durch den Verkauf an einen Konsumenten zu einem Geldwert umgewandelt werden kann. Hieraus entwickelte sich die Werbeindustrie, deren Aufgabe es ist, die durch die Ausbeutung von Natur und Mensch erzeugten ungeheuren Mengen an Waren und Dienstleistungen an Männer, Frauen und Kinder zu verkaufen. Dadurch wird garantiert, dass die Rädern niemals stillstehen, sondern ihre Drehzahl beschleunigt werden kann. Vor 100 Jahren betrug die weltweite Jahresproduktion 3% der Biomasse. Mittlerweile hat die Masse der vom Mensch hergestellten Jahresproduktion die Masse aller Lebewesen übertroffen.
Dem Aufruf der Werbeindustrie zu kollektivem Wohlstand sind die Massen gefolgt. Sie patschen begeistert mit ihren Händen und Füßen im Rhythmus der Werbetrommeln, sodass die Umsätze von Waren und Dienstleistungen auch mit immer höheren Drehzahlen der Massenproduktion zurechtkommen. Man genießt die Lebenserleichterung, wechselt in hoher Frequenz Produkt- und Menschenbeziehungen und nimmt dabei die Hände vom Lenkrad, um ohne innere Richtungsbestimmung seinen beschleunigten Emotionen und Bedürfnissen freien Lauf zu lassen. Die Lebensform ohne mühselige innere Richtungsbestimmung, dieses scheinbar bequeme, sichere und gegen Risiken aller Art abgepufferte Leben wurde erst durch die Ausbeutung fossiler Energien möglich.
Bequemlichkeit
Bäume fällen, sie in Stücke sägen und spalten, schlichten und trocknen, um schließlich die Holzscheite in den Ofen zu werfen – das ist unbequem und macht Arbeit. Dagegen wirken ein voller Heizöltank, Erdgas aus der Leitung oder Strom aus der Steckdose wie eine enorme Erleichterung. Und doch haben Erleichterungen ihren Preis, und damit sind nicht nur die gestiegenen Energiepreise gemeint. Der Hang zu Konsumgütern, in denen nicht die eigene, sondern fremde Arbeit und fossile Energie gespeichert ist, wirbt zwar mit dem Begriff der Erleichterung (vgl. Convinience-Produkte) aber diese industriell und massenweise hergestellten Erleichterungen führen aufgrund des CO2-Ausstoß zu einem unbequemen Sommer und unsere Kurzzeitbeziehungen zu ihnen vermüllen den Planeten.
Intelligente Vermeidung von Unbequemlichkeit
Intelligenz, das ist der Einblick in Zusammenhänge und das, was zusammen und voneinander abhängt, hat eine Beziehung. Die geduldige Erkundung von Zusammenhängen führt uns zu intelligenteren Formen der Unbequemlichkeitskompensationskompetenz als es der Einbau einer Klimaanlage wäre. Denn mit ihr schaffen wir uns eine künstliche Umgebung, die uns vergessen lässt, warum die Sommer immer heißer werden. Klimaanlagen versprechen eine rasche Erleichterung für das Individuum. Wir können aber nicht wollen, dass die Klimaanlage zur Standardausrüstung für alle wird, weil wir es nicht schaffen unseren hochtourig erhitzten Willen zu entschleunigen, der ohne sinnvolle Lenkung zu einer leeren fröhlichen Fahrt ins Nichts unterwegs ist.
Die Klimaanlage, die Flucht nach Mürzzuschlag, auf eine arktische Eisscholle oder gar auf einen Exoplaneten sind keine Lösungen, die das Problem an der Wurzel packen. Ebenso wenig hilft die retroromantische Vorstellung, wieder steinzeitliche Lebensformen anzunehmen, um einen „Sommer wie damals“ zu erleben. Denn das wäre eine Herabstufung des Willens zum Sinn, dessen Ausdruck die Geschichte der menschlichen Entwicklung ist. Die Lebenden haben nicht die Aufgabe die Entscheidungen der Vorfahren zu verdammen, sondern sie zu korrigieren. Und zwar an den Stellen, wo ihnen bewusst wird, dass sie zu Ausbeutung und Ungerechtigkeit führen. Dort, wo ein Ungleichgewicht in Beziehungs- und Abhängigkeitsverhältnissen gespürt und Schieflagen erfahren werden, müssen wir nach aufrechten, passenden und Spielraum schaffenden Lösungen für alle uns bislang bekannten Beteiligten suchen. Die sommerliche Hitze spornt uns dazu an. Die Klimaanlage verlängert eher die leere fröhliche Fahrt.

