Freitag, 17. November 2017

Die Zusammenrottung der Stachelschweine

Cohousing ist die Weiterentwicklung der Hippiekommune, es ist die hippe Gemeinschaft 2.0. In den letzten fünf Jahren entstandenen sehr viele Gemeinschaftsprojekte, viel mehr sind noch in Planung. Es ist beinahe trendy geworden in so einem sozial vernetzten Ambiente zu wohnen.


Der Aufschwung gemeinschaftlicher Wohnformen ist erklärbar durch den Zerfall der klassischen Familienstrukturen, Aufspaltung und Vermischung vormals fein getrennter Gesellschaftsschichten, der zunehmenden kulturellen Desorientierung durch Globalisierungseffekte und Migrationsbewegungen und der Erosion der eigenen Identität, als eine Folgeerscheinung der zuvor genannten Entgrenzungen.

In einer Welt, die in Bewegung geraten ist und aus dem Rahmen fällt, erscheint eine soziale Einrahmung manchen als stabilisierendes Element. Bezogen auf Gemeinschaftsprojekte ist es eigentlich eine verkehrte Welt: waren die Hippiekommunen in den 1960ern und 70ern eine soziale Experimentiermöglichkeit, um vorherrschende starre und z.T. lähmende Gesellschaftsmodelle zu revolutionieren, so ist die weitgehend pragmatische und ideologiefreie Weiterentwicklung der Kommunen zum Cohousing mittlerweile ein Hort geworden, in dem die latente Sehnsucht nach stabilen sozialen Verhältnissen, einer geistig wie kulturell homogenisierten Nachbarschaft und einer gemeinsamen Geschichte gestillt werden kann.

Was dem Menschen in instabilen Zeiten aber seit jeher Orientierung und Trittsicherheit ermöglichte ist Ideologie – im Sinne von Idee, also das an eine soziale Gruppe, eine Kultur gebundenes System von Weltanschauungen, Grundeinstellungen und Wertungen. Cohousing kann in dieser Hinsicht kein ideologiebefreites, mäanderndes Irgendwie-Zusammenleben sein, wenn das Verlangen nach Beständigkeit, Verlässlichkeit und Stabilität befriedigt werden soll. Welchen theoretischen Unterbau, welche Verfassung, welche Werthaltung hat also das pragmatische Cohousing? Cohousing ist in diesem Sinne nicht reduzierbar auf
  • eine vorübergehende Bleibe, bevor sich etwas Besseres ergibt
  • eine Kinderaufzuchtsanstalt – es ist keine vorübergehende Veranstaltung bis zum Kindergartenalter, bis Schulbeginn, -wechsel oder -abschluss
  • eine Art Demenzdorf, wo man im gebrechlichen Alter seine Zeit abwohnt
  • eine Pensionsversicherungsanstalt, in der man günstig leben kann, wenn die Wohnung abbezahlt ist
  • eine Studentenbude, in der man die freien wilden Jahre verbringt

Selbst die hemdsärmelige pragmatische Umformung zum Cohousing konnte einen Grundgedanken, der allen Kommunen, Ordensgemeinschaften, Kirchen, Sanghas, etc. innewohnt, nicht vernichten: den Willen zur Kooperation. Der Mensch ist ein auf Gemeinschaft und Kooperation angewiesenes Lebewesen, er vermag zwar auf einer einsamen Insel als Robinson zu überleben, ist dann aber weit davon entfernt zu Leben. Richard Sennett hat diese These in seinem 2012 auf Deutsch erschienen Buch „Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält“ entworfen.

Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer war wesentlich pessimistischer, was das Zusammenleben von Menschen betrifft. Er entwarf dazu eine Parabel von den Stachelschweinen:
Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um, durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammen brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so dass sie zwischen beiden Leiden hin und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung von einander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.
Schopenhauer behauptet, dass die innere Leere der Menschen dazu führt, dass die Menschen eine Gesellschaft bilden, um diese Leere zu füllen. Sie werden aber alsbald von schlechten Charakterzügen der anderen belastet (die Stacheln der Stachelschweine). Dagegen sind Menschen, deren Inneres ausgefüllt ist, auf die Gesellschaft anderer nicht angewiesen.

Cohousing braucht ein klares Bekenntnis zu Gemeinschaft und Kooperation, den Willen an der Entwicklung der Gemeinschaft beizutragen und fordert von Jedem die Bereitschaft sich längerfristig an einen Ort zu binden. Cohousing ist trotz steigender Beliebtheit weit weg vom Mainstream, es braucht Wagemut und Risikobereitschaft der Welt und den nächsten Generationen zu beweisen, dass eine lebenslustige Kooperation möglich ist und das Schopenhauer unrecht hat.

Dienstag, 23. Dezember 2014

Ent-Scheidung

Es wirkt fast wie ein persönlicher Affront für mich, wenn jemand beschließt von hier weg zu ziehen - wo wir es doch so schön und gut hier haben. Es geht dabei nicht mit rechten Dingen zu, die unrechten sind:
  1. Es ist nicht im Bereich des Denkbaren, dass das Leben woanders auch nicht anders als schön und gut ist. Die Übersiedlung ist daher eine Fehlentscheidung.
  2. Der Schmerz und die Wut liebgewordene Menschen ziehen lassen zu müssen und die Unlust, die Trauer darüber zu ertragen.
Jetzt also ein Versuch, für die Vorüberziehenden Evelyn und Briant einen versöhnlichen Abschiedsbrief zu erfinden:

Liebe Evelyn,
Lieber Briant,

Ich finde es ja schon ein wenig despektierlich, dass ihr mit uns nicht gemeinsam alt werden wollt! Respektierlich ist andererseits, dass ihr eure Lebensqualität beim Älterwerden ernst nehmt, euch ent-schieden habt, und uns verlasst.
Jedenfalls ist es euch gelungen uns manifeste Denkmäler eurer jugendlichen Schaffenskraft zu hinterlassen (eure Kinder nehmt ihr aber bitte mit).

Wenn also jemand zufällig vorbei kommt und unseren schönen Pool bewundert und fragt „Ei, wessen Idee war denn dieser herrlich kühlende Pool? Und wer konnte sämtliche Tücken eures komplizierten und langwierigen Entscheidungsprozesses in so kurzer Zeit überwinden?“ Da werden wir dann antworten: „Die Evelyn war es“. 

Und wenn dann noch einer kommt oder derselbe ein paar Schritte weitergeht und vor der prächtigen Werkstattjurte erstaunt stehen bleibt und fragt: „Ei der Taus, wer hat denn diesen funktionalen Prachtbau errichtet? Wer war denn über die Jahre so hartnäckig und so wagemutig einen schwierigen Workshopleiter  einzuladen?“ Und dann werden wir antworten „Der Briant war es“.


Wann immer ihr Lust auf etwas Wildes habt, das in der Stadt verboten ist, z.B. Hupen, sich in der Wohnung anschreien, ein richtig großes Feuer anzünden usw., wisst ihr wo ihr uns findet.


 


 

Donnerstag, 27. März 2014

Es gibt immer was zu tun


Hier bei uns in der Cohousingsiedlung gibt es immer neue Ideen und Projekte. Alle die gerne werken, einen Überschuss an Lebensenergie haben, Anerkennung brauchen oder ihr Haushaltsbudget anreichern wollen, finden Betätigungsfelder.


Bau der Wasserleitung im Grünland
Es ist herrlich die eigenen Talente und Leidenschaften sinnvoll einbringen zu können. Das technische Hochrüsten des Eigenheims oder der Ausbau zu einem verschnörkelten Barockschlösschen wird mitunter als hohle, sinnentleerte Tätigkeit erlebt, die nur um sich selbst kreist. Es macht eben mehr Sinn, wenn mehrere Menschen profitieren, etliche Probleme gelöst werden oder viele einen ästhetischen Genuss erleben können.

Wenn du anderen etwas gibst, dann bekommst du immer was zurück


In der Werkstatt: Drehkran 
Diese Behauptung einer Slumbewohnerin aus Nairobi habe ich soeben in einem Radiofeature aufgeschnappt. Sie hat neun eigene Kinder und weitere elf Waisenkinder aufgenommen, von denen ein Kind behindert und ein anderes HIV-positiv ist. Diese Lebensumstände lassen sich natürlich nicht mit den unseren vergleichen aber da ökonomische Überlegungen bis in die hintersten Winkel unserer Existenz vorgedrungen sind und wir häufig fürchten von anderen benutzt bzw. ausgenutzt zu werden, was bleibt uns noch?

Arbeit am Brotbackofen
Zunächst ist da einmal die persönliche Leidenschaft, die Flow-Erlebnisse ermöglicht, wenn wir das tun, was wir gerne tun. Folge davon können Nachtschichten in der Werkstatt oder Konflikte mit der Partnerin sein, wenn man Projekte unbedingt abschließen möchte. Angefeuert von der Vorfreude auf die Beobachtung von kleinen emsigen Bauarbeiter wird der Drehkran für den Kinderspielplatz geschweißt. Das Dach des Lagerschuppens neu gedeckt, damit der soeben erworbene Rasentraktor für den gemeinsamen Fußballplatz im Trockenen steht und das sonntägliche Kickerl mit den Nachbarn auf gepflegtem Rasen stattfindet. Oder es wird stundenlang im Internet für den Bau des Brotbackofens recherchiert, um das Darben nach gutem Brot zu beenden.

Freundschaft durch gemeinsame Motive und Projekte


Wenn an einem Aktionstag 20 oder mehr Bewohner an der Erhaltung, Behübschung oder Verbesserung der Siedlung arbeiten, dann hat das Flair. Es erinnert mich an die Kindheit, wo nahe und ferne Verwandte anlässlich der Weinlese zusammen gekommen sind, gemeinsam gearbeitet, geplaudert, gegessen und getrunken haben - oft bis spät in der Nacht. 
Jetzt sind es eben "Wahlverwandte" mit dem verbindenden Motiv der Pflege oder Weiterentwicklung des gemeinsamen Lebensraumes. Arbeiten, schwatzen, essen, trinken, singen, musizieren und feiern am Lagerfeuer. Dieser Teil der Vorstellung vom guten Leben hat sich über die Jahrtausende nicht wirklich verändert. Manche bleiben zu Hause, nehmen nicht Anteil, sind kein Teil von gemeinsamen Visionen oder Projekten. Sie bleiben für sich, privat. Im Antiken Griechenland wurden sie ohne abwertende Bedeutung Idiotes genannt.

Donnerstag, 19. April 2012

Göttliche Geschenke

62 Stunden Wehen und zittern, ob alles gut ausgeht. Ein Kind, das auf fast 41 Grad fiebert, damit die Großmutter überfordert, während die Mutter den Bruder gebärt. Einen schlaflosen Vater, der in letzter Minute vor dem Osterwochenende Ärzte und Apotheken heimsucht. Die Geburt eines Kindes stellt fast jede Familie vor z.T. enorme Herausforderungen: Sorgenfalten durchziehen das Gesicht, die Augenringe sprießen, die Müdigkeit wird zum ständigen Begleiter und die Nerven liegen blank.

Wie fruchtbar ist der kleinste Kreis, wenn man ihn wohl zu Pflegen weiß. (J.W. Goethe)


Ein soziales Netzwerk, das Geborgenheit, echten Rückhalt und praktische Unterstützung bietet ist in dieser und vergleichbaren Situationen unglaublich wertvoll und fällt nicht vom Himmel. Wir haben hier im Cohousingprojekt Lebensraum diese wichtige Ressourcen in den vergangen Wochen erleben dürfen und ich bin unendlich dankbar, für die Anteilnahme und das empathische Interesse in der Phase vor der Geburt und danach, für die Möglichkeit des Austausches von Erfahrungen oder die nachbarschaftlichen Supervisionen wenn man glaube es geht nicht mehr, für den köstlichen und nahrhaften Hühnersuppentopf, für die vor dem Regen gerettete fein säuberlich aufgehängte Wäsche, für den Birnengrießauflauf, die Gemüsesuppe und den vielen anderen Köstlichkeiten, mit denen wir in den letzten Tagen versorgt wurden,
für die vielen Glückwünsche, für die freundlichen Gesichter die Theodor auf den Gängen und im Gemeinschaftsraum anlächeln, für die Abholung von Mutter und Kind aus dem Krankenhaus, für die Besorgungen und Einkäufe, für die Betreuung des älteren Bruders, für die Diskretion und Zurückhaltung in den ersten Tagen.Und ich bin sehr dankbar für die Erfahrung, dass Engagement für die Gemeinschaft eine echte diesseitige Komponente hat und keine reine metaphysische Hoffnung ist.

Nachhaltiges Netzwerk


Heute habe ich im Radio auf Ö1 einen Beitrag über "Die Macht der Netzwerke" gehört (http://oe1.orf.at/programm/300684), der wunderbar zu diesem Thema passt.
Macht kommt von können und unser Netzwerk hier in der Cohousingsiedlung Lebensraum in Gänserndorf kann vieles und ich bin mächtig Stolz darauf. Es kann mir zwar keine lukrativen Einkünfte bieten, wo ich hinterher rätsle "wos mei Leistung woar", aber es stellt echte Ressourcen zur Verfügung, nicht nur ideologisch aufgeladene Träumereien.
Unsere Gemeinschaft bietet ein Lebensgefühl der Zugehörigkeit und Geborgenheit, das zweite Kriterium von nachhaltigen Netzwerken. Das Dritte, nämlich Offenheit für Neues und Unterschiedliches und damit verbunden, die Möglichkeit des persönlichen Wachstums durch Lernerfahrungen und -impulse, können alle hier, die sich aktiv in das Gemeinschaftsleben einbringen, beinahe tagtäglich erleben.
Und schließlich sind anziehende visionäre Kräfte wichtig, eine Richtung, Ziele, die das Leben der Gesellschaft bereichern und dem Leben dienen. Dadurch werden Netzwerke breit und attraktiv für neue Mitglieder und unterscheiden sich von zynischen Netzwerken, die nur einem Selbstzweck folgen und den Nutzen ihrer Mitglieder maximieren. Ich bin überzeugt, dass für Österreich, Europa, eigentlich für die ganze Welt offene und innovative Gemeinschaften nützlich sind.

Dienstag, 24. Januar 2012

LebensTraum

Nachdem wir zum allerersten Mal ganz alleine für die Kochgruppe in den Riesentöpfen gekocht haben, fragt mich Reinhard ob ich über die Eindrücke Einer frisch eingezogenen schreiben will. Ich halte mich fest an meiner Kochschürze, meine Finger rotgefärbt von den roten Rüben und überlege kurz, ob ich schon weiß wie sich das anfühlt, dieser Lebens(t)raum. Und ich erinnere mich plötzlich, wie ein paar Minuten nach unserer Ankunft, nachdem wir das erste Glas Brunnenwasser getrunken haben, derselbe Reinhard aus der Küche kam und uns fragte: „Wollt ihr Gulasch?“

Es fängt gut an – hab ich mir gedacht.

Nach einem Sommermonat unterwegs auf Reisen, fahren wir mit einem ausgeborgten Auto auf der Westautobahn Richtung Osten. Hinten in einem wackeligen Anhänger Schätze unseres bisherigen gemeinsamen Lebens, thematisch in Bananenschachteln sortiert. In mir ist es noch da, dieses Spätsommergefühl von Reisen ins Unbekannte.

Auf dem Weg vom Gulasch zur Wohnung begegnen wir unserer neuen Nachbarin Anna an ihrem dritten Geburtstag. Sie ist schön mit Ihrer Krone!

Es ist bereits Abend. Unsere Vormieter haben keine Glühbirnen in der Wohnung gelassen. Es riecht nach Bodenöl. Wir bewandern und durchschreiten die leere Wohnung: rauf, runter, raus, rein- fein! Ein Glas Wein?

Trinkwasser vom Brunnen holen und erlauben, dass dabei was passiert. Tauschen, lauschen ...
Ich lese noch einmal das Infoschild auf der Eingangstür: “Co-Housing : Siedlung mit aktiv gelebter Nachbarschaft” und möchte das sofort ausprobieren. Jetzt sind wir doch gerade “Nachbarn in Not”.
Während David im Obergeschoß unser Bett baut stehe ich unten in der Küche und schreib alles auf, was mir einfällt an nicht auffindbaren und dringend benötigten Sachen und stelle mir vor etwa so zu fragen: "Hallo, ich bin Szende, die Neue. Hast du vielleicht: ein Ei, Nadel, Bohrmaschine, Schöpfer, Spachtel, Klopapier, Handy-Ladegerät, Brot, Glühbirne, Zeit ... Lust ..."
Ich probiere es gleich nebenan.

Schritte der Eingewöhnung.

September. Wände ausgemalt, kräutergrün (Farbe von den Nachbarn). Kleinkindergruppe entsteht. Fabio klopft an und spielt uns was auf seiner Spielgitarre vor. Die Emilia bringt uns von ihren “Radlreisen” kurze Gangnachrichten heim. Wir lernen Pferde, Ziegen und immer mehr Nachbar kennen.
In einer der ersten Nächte, Gangfinsternis. Ich bin müde und öffne die Wohnungstür. Es ist ganz ruhig und riecht anders als bei uns. Wo bin ich hier? Eine Uhr zeigt mir in roten Zahlen: 23:11. Wir haben keine elektrische Uhr... Schnell raus und zur richtigenTür... So besuchte ich zum ersten mal unsere Nachbarn.

Oktober. Wir wollen Hühner. Andere auch. Es kommt ein spannendes Hühnertreffen zu stande. Physalisernte. Einzugsfest mit Feuertonne im Garten, Schokobrunnen auf der Terrasse und vielen Gästen. Wir fühlen uns willkommen.

November. Emilias Geburtstag in Gemeinschaftsraum, viel Freude, Freunde, Schaukelpferde. Abendessen bei Nachbarn.

Dezember. Abendessen bei Nachbarn. Jurtenfest mit Adventsingen. Betreuung der Nachbarskatze. Kekstausch. Freiluft – Tanzrausch. Spannend-schön.

Wir fahren über Weihnachten weg, nach Rumänien. Im Zug klingelt das Telefon, Alex. Licht im Bad vergessen. Er weiß, wo der Schlüssel ist...

Szende

Sonntag, 6. November 2011

Entscheidungen in der Gemeinschaft

Der Unterschied zwischen "ich habe mich entschieden" und "wir haben uns entschieden" beträgt für gewöhnlich Wochen, Monate oder gar Jahre. Entscheidungen alleine zu treffen ist oftmals schwierig genug, aber wenn mehrere Personen, oder wie in unserem Fall 47 Erwachsene etwas beschließen sollen, ist das eine recht komplexe Sache.

Grafik 1
Wir haben seit 2005 einen mehrstufigen Entscheidungsprozess. Jeder Erwachsene hat eine Stimme. Wenn ein Konsens möglich ist, dann kann die Entscheidung sehr rasch erfolgen, u.z. innerhalb von zwei Sitzungen, die zumeist monatlich stattfinden. Ab der dritten Sitzung, in der das Thema behandelt wird, genügt eine 2/3 Mehrheit.
Um in einer Gemeinschaft zu einer Entscheidung zu gelangen braucht man Langmut. Die Dinge laufen schleppend und es ist z.T. sehr mühsam die notwendigen Mehrheit für einen Beschluss zu bekommen. Wir haben aber doch einige Entscheidungen im Laufe der Jahre getroffen - siehe Grafik 1.

Welche Entscheidungen treffen wir? Die Mehrzahl der Entscheidungen seit bestehen der Cohousingsiedlung 2005 betrifft die Infrastruktur (18), dann Finanzielles (14), Nutzung der Gemeinschaftseinrichtungen (7), gefolgt von Gemeinschaftsbildung (4) und den Entscheidungsprozess selbst (3).

Grafik 2
Entscheidungen bestimmen unsere Zukunft, die individuelle und die gemeinsame. Den langen Atem, um in einer Gemeinschaft Impulse zu setzen oder Nutzen und Lasten gerecht zu verteilen, haben aber nur wenige. Von den 47 Erwachsenen in der Community waren 25 zumindest einmal in einer Arbeitsgruppe, die eine Initiative zu einer Abstimmung gebracht hat. Die Mehrzahl davon, nämlich 11, allerdings nur einmal. Wie in fast jeder Gemeinschaft gibt es auch bei uns einige Wenige die häufiger die Initiative ergreifen und bis zur Entscheidungsfindung in der Gruppe die Sache voranbringen (siehe Grafik 2). 47 Prozent der BewohnerInnen machen lediglich von ihrem Stimmrecht Gebrauch (auch nicht immer) und haben noch nie Abstimmungen beantragt.

Diese 22 BewohnerInnen tun nicht nichts; sie engagieren sich wie alle übrigen bei der Anlagenerhaltung und erfüllen wichtige Funktionen im Gemeinschaftsleben. Allerdings wäre es für die Gemeinschaft eine echte Bereicherung, wenn sie ihre Kompetenzen und Ideen in Arbeitsgruppen einbringen, die Entscheidungen vorbereiten und zur Abstimmung führen. Vielleicht könnte ein anderes Entscheidungsmodell dabei hilfreich sein: Die Soziokratie. Wir werden in den nächsten Wochen darüber diskutieren und entscheiden, ob wir uns darin schulen lassen wollen.

Dienstag, 13. September 2011

Gangbrunch

Das Informelle und Spontane hat Charme, aber es herrschte unter den BewohnerInnen der Cohousingsiedlung Lebensraum am Sonntag früh Verwirrung. Seit Freitag kursierten zwar vage Gerüchte um einen bevorstehenden Vormittagsbrunch am Gang, aber am Sonntagmorgen schien es, als ob das Unbestimmte und Unverbindliche seinen gewöhnlichen Lauf nimmt und im Nichts endet. Daher begannen einige ihre Haushaltsroutine, gingen Wäsche waschen, holten Wasser vom Gemeinschaftsbrunnen oder genossen die Vormittagssonne im Hof und unterhielten sich, während Julia, Christian und der kleine Konstantin eifrig Palatschinken für den Brunch ohne konkreten Termin produzierten. Ein Dutzend Palatschinken als Kristallisationspunkt, die Vorfreude der Nachbarn auf geselliges Beisammensein und ein paar hemdsärmlige Handgriffe brachten den Brunch wieder auf Schiene. Und wenige Augenblicke später saßen sie beieinander. Aus den Wohnungen wurden allerlei Köstlichkeiten herangeschleppt, die Kinder holten mit einem Bobby-Car im Anhänger Weintrauben vom Gemeinschaftshof und eine Saftpresse machte daraus wohlschmeckenden Traubensaft. Am Gang roch es nach Kaffee und Palatschinken. Die Kinder quietschten vor Vergnügen oder jammerten, es wurde gelacht und diskutiert, andere Nachbarn gesellten sich hinzu und zwei Stunden später war der Gang wieder ein nur ein Gang. Bis zum nächsten Brunch, wo er sich abermals - zumeist recht spontan - in eine Art Tempel des Gemeinschaftslebens verwandelt.

Spontaner Gangbrunch am Sonntag Vormittag